ELISABETH JORIS

Einführungsreferat zur OlympePiazza

Zwischentöne:
Frauen debattieren über Nationalismus Krisen und Konflikte


Im Juni 1999 organisierte die Redaktion OLYMPE ihre erste Tagung mit internationalen Referentinnen unter dem Titel: „Frauenforum zur Jahrtausendwende. Aufbruch im Widerspruch. Feminismen und die Sozialdemokratie in Europa“. An dieser Tagung führte die bekannte Antifaschistin und Pazifistin Lidia Menapace den von italienischen Feministinnen geprägten Namen „Piazza“ ein, im Sinne eines „Ortes öffentlichen Politisierens“ (Olympe 11, S.38). Inzwischen ist der Name auf dem Hintergrund der ersten grossen Demonstration gegen Berlusconi vor rund einem Monat zum Ausdruck einer - von Frauen mit sogenannten öffentlichen „Ringelreihen“angestossenen - politischen Bewegung gewachsen. Teilnehmerinnen des Frauenforums von 1999 gaben den Anstoss, Olympe möge unter dem Namen „Piazza“ weitere öffentliche Debatten organisieren. In Verbindung mit dem Olympe-Heft Nummer 14 „Nationalismus. Verführung und Katastrophe“, das wir mit Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien realisierten und das den Nationalismus am Beispiel der Schweiz und dem Zerfall von Jugoslawien thematisiert, planten wir eine solche öffentliche Debatte, die wir aber wegen unserer geringen Kräfte zeitlich verschieben mussten. Mit den politischen Implikationen des 11. Septembers und der Eskalation der Auseinandersetzungen im Nahen Osten hat die Tagung aber an Bedeutung gewonnen. Wir setzten uns daher zum einen mit Vesna Pesic in Belgrad in Verbindung, einer der zentralen Figuren der Opposition gegen Milosevic, die uns ihre Mitstreiterin Ruzica Rosandic vermittelte. Die Universitätsdozentin und Leiterin des friedenspolitischen Instituts MOST („Brücke“) musste jedoch leider wegen der gegenwärtigen Situation in Serbien kurzfristig absagen. Zum andern kontaktierten wir über die Vermittlung des NZZ Journalisten Beat Stauffer die bekannte Soziologin und Autorin Fatima Mernissi, deren Präsenz in Marokko aber gegenwärtig erfordert ist wegen der von ihr initiierten „Caravane civique“. Die Caravane beginnt mehr oder weniger zu diesem Zeitpunkt und animiert Frauen und Männer zum Schreiben. Fatima Mernisse hat uns aber den Kontakt zu Damia Benkhouya ermöglicht. Damia Benkhouya ist Arabistin, Lyrikerin, Dozentin und Autorin eines von der deutschen Friedrich Ebert finanzierten Buches zum Thema Vergewaltigung, das auf der Analyse der Gerichtsakte mehrerer Jahrgänge zur häuslichen Gewalt basiert. Sie ist Mitbegründerin und Präsidentin der „Association maroccaine des droits des femmes“ und der feministischen Zeitschrift „8. März“. Landesweit bekannt wurde sie durch die von ihr initiierte Petition gegen die Polygamie und für gleiche Rechte von Frauem und Männern. Dadurch wurde eine grosse Debatte ausgelöst, die bis heute anhält. Dem eindimensionalen westlichen Bild der Frauen in den muslimischen Ländern weiss Damia Benkhouya ihre eigenen feministischen Erfahrungen entgegenzuhalten. Schliesslich gelang es uns, die Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser einzuladen, die bekannte Biologin und Autorin, deren Partizipation bis zur letzten Woche wegen der israelischen Besetzung von Bir-Zeit ungewiss war. Mit ihren pazifistischen Projekten, die ebenso auf der Ausweitung der Olivenproduktion und -vermarktung als Zeichen nachhaltigen Wirkens und traditionsbezogener Identifikation wie auf der Kooperation mit pazifistischen israelischen Frauen beruht, ist sie in den letzten Jahren weit über die Grenzen Palästinas bekannt geworden. Wir freuen uns, trotz der äusserst schwierigen Hintergründe Sumaya Farhat-Naser heute hier begrüssen zu dürfen.
Wegen der Absage von Ruzica Rosandic mussten wir unser Programm umstellen, das aber nun stärker der gegenwärtigen Situation im Nahen Osten entspricht: an Stelle von Rosandic spricht Sumaya Farhat-Naser zum Thema Konflikte. Die in die Vorbereitung der Diskussion mit einbezogenen Redaktorinnen von Heft 14 „Nationalismus, Verführung und Katastrophe“ werden aber auch grundsätzliche Aspekte nationalistisch begründeter Konflikte einbringen. Ich selber übernehme im Namen der Redaktion den Part, den wir zuerst Sumaya Farhat-Naser zugedacht hatten, die allgemeine Einführung in die Thematik der Tagung: „Nationalismus, Krisen und Konflikte“. Die Soziologin Anni Lanz analysiert danach aus einer eher unüblichen Gender Perspektive den Nationalismus hier in der Schweiz. Damia Benkhouya beleuchtet aus ebenso unüblicher Perspektive das Thema Krisen und schliesslich referiert Sumaya Farhat Naser zu dem äusserst akuten Thema Konflikte. Der Diskussion nach den drei Referaten soll breiter Raum eingeräumt werden, daran haben sich jeweils auch Frauen spezifisch vorbereitet, wie ich das bezüglich dem Thema „Konflikte“ schon erwähnt habe. Im folgenden werde ich nun einführend auf die drei Begriffe, die unserer Tagung als Titel dienen, eingehen und damit gleichsam die Überlegungen der Redaktion darlegen.



Nationalismus
Nationalismus ist nicht mit dem Nationalstaat oder mit Nationalem in eins zu setzen, damit auch nicht der nationalistische Diskurs mit dem nationalen. Der Begriff des Nationalstaates ist eher auf der abstrakten Ebene anzusiedeln, auf der Ebene des Rechts. Er ist verknüpft mit der ebenso rechtlich definierten Staatsbürgerschaft, der Voraussetzung für den Genuss bestimmter Rechte wie Niederlassungsfreiheit, Stimm- und Wahlrecht. Symbolisiert ist die schweizerische Staatsbürgerschaft und die damit verbundenen Rechte im Schweizer Pass. Er definitert die Zugehörigkeit zum Nationalstaat Schweiz, definiert deren BesitzerInnen zu InländerInnen im Gegensatz zu den AusländerInnen. Damit ist aber auf ein zentrales Moment des Nationalstaates hingewiesen: das der Ausgrenzung. Und in dieser Ausgrenzung liegt auch die Problematik, zeigt sich der Bezug zum Nationalimus. Denn im Ausschluss zeigen sich die Mechanismen der Zugehörigkeit, der Identifikation, die ihre Bedeutung durch die emotionale Aufladung auf der symbolischen Ebene erhalten: durch Zeichen wie Fahnen und Rituale, über die Konstruktion der Geschichte, einer historischen Genealogie zurück bis zu einem fiktiven Ursprung, der eigentlichen Geburt der Nation, durch die Konstruktion von Traditionen im Sinne von deren Erfindung, bzw. Definition als Tradition und deren Pflege.
Diese Konstruktion einer Nation wird in der Regel äusserst linear, meistens patrilinear abgeleitet von einer gemeinsamen Herkunft, z.Bsp. vom Rütlischwur für die Schweizer, von der Schlacht auf dem Amselfeld gegen die Türken für die Serben. Diese Konstruktion schliess das Andere schlicht durch dessen nicht Thematisierung aus. Im Kontext Israel ist dies die nicht Thematisierung der palästinensiche Bevölkerung, im Kontext Schweiz ist es bspw. der kaum zur Kenntnis genommene „fremde“, d.h. amerikanische Ursprung unserer Verfassung oder die Bedeutung von Unternehmern nicht schweizerischer Herkunft für unsere typisch schweizerische Wirtschaft: die französischen Hugenotten für die Uhrenindustrie, der Engländer Brown und der Deutsche Boveri für die BBC, heute ABB, der Deutsche Nestle, schliesslich der Libanese Nicolas Hayek für die Swatch, dieses gegenwärtige Aushängeschild schweizerischen Produktionserfolges. Aber auch die Ignorierung des Fremden im Bereich von Kultur und Folklore: die Stauffacherin verdankt ihre Popularität dem Dichter Friedrich Schiller, das Fahnenschwingen importierten Schweizer Söldner aus Italien.
Es geht mir bei diesen Anmerkungen um die Hervorhebung des nicht Linearen, der Vielschichtigkeit und Komplexität, des integrativen Prozesses, was im nationalistischen Diskurs einfach nicht vorkommt, sondern verloren geht. Die folgenden Punkte möglen dies betonen:
1. Der nationalistische Diskurs zeichnet sich aus durch Eindeutigkeit, durch das sogenannte Zeitlose, Immerwährende, eben Typische, damit durch Entkontextualisierung. Er basiert auf Polarisierung: das Gute/das Schlechte oder zumindest das Bessere/das Schlechtere, das Eigene/das Andere. Mit der Absolutierung des Eigenen wird jegliche kritische Hinterfragung zum Verrat. Ich erinnere dabei nur an den jüngsten VerräterInnendiskurs der USA nach dem 11. September: Susan Sontags Stellungsnahme wie auch die kritischen Worte der kalifornischen Kongressabgeordneten, führten zu äusserst aggressiven Anschuldigungen.
2. Nicht erst im nationalistischen Diskurs, sondern schon im nationalen werden auch die Geschlechter klar positioniert, deren Rollen über Zuschreibungen polarisiert: die Frau als zu schützendes Opfer, der Mann als Beschützer, Patriot und potentieller Held. Der männliche Part als ein öffentlicher spiegelt sich in Uniformen und Fahnen, während den Frauen eher die Symbolisierung des Familiären, der Herkunft zukommt.
Die Nation, symbolisiert in der Fahne, verknüpft sich also im öffentlichen Raum mit dem männlichen Geschlecht. Eine starke symbolische Funktion kommt den Frauen im Kontext Nation fast nur als Mütter von Opfern und Märtyrern zu, in der dadurch erzeugten zusätzlichen politischen Aufladung der weiblichen Opferrolle.
3. Die Uniform, insbesondere die militärische, schafft als solche Eindeutigkeit - ermöglicht erst die eindeutige Zuordnung - und bestimmt in starkem Masse auch das Handeln der Uniformierten. So bringt die soldatische Uniform das Individuelle, den individuellen humanitären Gestus zum Verschwinden, und schafft beispielsweise auch bei den israelischen Truppen den Boden für die Menschenrechtsverletzungen: es ist die Konsequenz der Dichotomisierung, der Polarisierung zwei eindeutig definierte Lager. Das Humanitäre, das Mässigende bleibt dabei auf der Strecke, auch die Würde der einzelnen Menschen, der Angreifenden ebenso wie der Angegriffenen, der Besetzer ebenso wie der Menschen im besetzten Gebiet.
4. Auch der Selbstmordattentäter reduziert seine Person auf das Bild des „Helden“, oder eben des „Terroristen“. Irritierend ist dabei die Selbstmordattentäterin, wohl nicht zufällig erst eine - noch seltene - Erscheinung der allerjüngsten Zeit. Sie löst als weibliche im öffentlichen Raum agierende Figur Irritation aus, eine Heldin, statt dem Helden. Anderseits fügt sie sich in der selbstlosen Aufopferung auch wieder in das stereotype Bild der Frau. Aber in der herrschenden Logik der Polarisierung ist der Ort der Frau das Nicht-Öffentliche, weder die Piazza noch die Strasse.

Krisen
Die Krise ist die Stunde der Männer. Die Krise, die politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Krise, ruft nach Intervention. Und, wenn eine Situtation als handlungsbedürftig definiert wird, da betreten die gewichtigen Männer die Bühne. So beispielsweise beim Swissair Crash: die Cortis und Suters zum einen, die Piloten zum andern. Frauen fungieren gerade noch als Pressesprecherinnen. Oder am 11. September in New York: da waren es Bush, Giuliani und die Feuerwehr. Oder in den letzten Wochen im Nahen Osten. Ich zitiere dazu den Tages-Anzeiger vom 13. April: „Nur die direkt Betroffenen bleiben meist stumm, weil es ihnen, oft im wörtlichen Sinne, die Sprache verschlagen hat. Als Statisten agieren sie am Rande einer überfüllten Bühne, die internationalen Stars wie Arafat, Sharon, Abdullah, Peres, Powell oder Zinni, gehört“, und aus der Versenkung taucht selbst Benjamin Netanyahu auf und spricht vor dem amerikanischen Kongress. Querdenker habe es da schwer: nach Tages-Anzeiger z.Bsp. Amos Oz, der israelische Pazifist. Querdenkerinnen werden meist schon gar nicht erwähnt. Auch nicht die profiliertesten Frauen wie die Palästinenserin Hannah Ashravi und Sumaya Farhat-Naser oder die israelische Menschenrechtsaktivistin Felicia Langer, deren Engagement sich gerade nicht durch Hektik auszeichnet, sondern durch lange kontinuierliche Tätigkeiten im Bereich nationaler Politik, der Kooperation und der Menschenrechte. (Wobei ich hier die Bemerkungen einfügen muss, dass die NZZ Sumaya Farhat Naser zum Schreiben eingeladen hat, wenn auch eher in den Spalten des Feuilletons als der politischen Aktualität).

Doch bevor die Männer die Bühne betreten, muss die Krise deklariert werden. Wer aber definiert eine Situation als Krise? Was ist der Auslöser dafür? Und was geschieht, nachdem eine Situation als Krise definiert ist? Dazu möchte ich nur ein paar grundlegende Gedanken einbringen:
1. Es ist zuerst mal eine Frage der Macht, der Definitionsmacht. Und in der Logik der Polarisierung auch eine Frage der Gegenmacht, die sich als solche zu inszenieren weiss.
2. Krisendefinitionen haben sehr viel mit Symbolen zu tun, vor allem auch mit Symbolen der Macht: Wegen ihrer symbolischen Bedeutung konnte die Zerstörung der Twins - des Symbols des Welthandels und der führenden Wirtschaftsmacht USA, des Symbols des ebenso kosmopolitischen wie uramerikanischen New York, des neben der Freiheitsstatue in die Welt ausstrahlenden Symbols für die USA schlechthin - konnte die Zerstörung dieses Symbols umgemünzt weden in die allgemeine weltweite Bedrohung der Freiheit, die von der Weltmacht USA als weltweite Krise definiert wurde, die nur global gelöst werden könne. Folgerichtig wurde in der auf diesem Hintergrund definierten Krise die Welt in Gut und Böse eingeteilt. Diese simple Kategorisierung aber öffnete neue Konfliktlinien, da alle Vielschichtigkeiten und Komplexitäten durch die proklamierten Eindeutigkeiten verdrängt wurden.
3. Wenn die Krise als solche definiert ist, erfährt die Situation in der Regel eine Beschleunigung, die nach raschem Eingreifen verlangt. So konnte beispielsweise vor rund einem Jahrzehnt die Zunahme von Asylgesuchen im nationalstaatlichen Kontext zur Krise deklariert werden, zur Bedrohung des Nationalstaates Schweiz, was zur Forderung nach militärischem Grenzschutz führte. In den leztenten Jahren wurde die Bedrohung im europäischen Kontext umdefiniert als eine europäische, was zur Forderung nach vermehrten grenzüberschreitenden polizeilichen und technologischen Massnahmen führte, also eine Verschiebung vom ehemaligen „Igel“ Schweiz zur „Festung Europa“. Vor allem seit dem 11. September schlummert die Bedrohung nun im Innern der Industriestaaten selbst, werden Migranten und auch Migrantinnen zu potentiellen Tätern und Täterinnen, einer Bedrohung die nach ständiger Kontrolle, der sogenannten Schleierfahndung ruft. Die Geschlechterstereotype werden dabei verfestigt, beargwöhnte Migrantinnen und Migranten aus dem Süden auf ihre jeweiligen Plätze verwiesen: auf Scheinehe und Prostitution zum einen, auf Drogenhandel, Kriminalität und terroristische Aktionen zum andern.
4. Da Frauen im Bereich des Öffentlichen wenig Macht zukommt und so auch eine sehr geringe symbolische Präsenz verzeichnen, werden Situationen, die vor allem Frauen betreffen, nicht als Krisen deklariert, z.Bsp. der akute Mangel an Krippenplätzen. Trotzdem gelingt es Frauen, wenn auch selten, durch bewusste Strategien symbolisch bedeutungsstarke Situationen zu provozieren und damit eine politische oder gesellschaftliche Krise auszulösen. Beispielsweise durch die Grossdemonstration auf dem Bundesplatz als Reaktion auf die Nicht-Wahl von Christiane Brunner zur Bundesrätin und die dadurch erkämpfte Wahl von Ruth Dreifuss. Oder durch die landesweite Agitation der marokkanischen Feministinnen gegen die Polygamie in Marokko.



Das führt mich schliesslich zur Frage, ob Frauen über andere Muster der Krisenbewältigung verfügen? Auch Frauen begrüssen Restriktionen oder die Abschottung gegen die als anders Definierten. Trotzdem stellen wir uns die Frage, ob Frauen in Krisensituation weniger auf Beschleunigung drängen, eher zur Ruhe mahnen, während Männer eher zum raschen Handeln schreiten. Dieses Muster entspräche den gängigen Geschlechterstereotypen. Von der Machtperspektive her, die den Männern zugeordnet wird, ist in einer Krise rasches Handeln angesagt, um die eigene Position zu bestätigen und Stärke zu markieren. Von den Frauen wird eher der Dialog erwartet. Ob dieses geschlechterkonforme Verhalten nicht nur stereotype Erwartung ist, das stellen wir heute zur Debatte.
Dialog bedeutet Öffnung, die nicht a priori einer Seite eine Lösung aufoktroyieren möchte. Was würde dann ein auf dem Dialog basierender Krisenbewältigungsansatz jenseits aller abschottenden Mechanismen konkret bedeuten?
1. Ein solcher Ansatz impliziert das Verhandeln, die Wahrnehmung der Anderen, der Gegenseite in in ihren Bedürfnissen und Zwängen, so wie das Sumaya Farhat-Naser in ihrem Beitrag in der NZZ der letzten Woche gefordert hat.
2. Das würde die Absage des militärischen Weges beinhalten zugunsten des zivilen Weges: mit dem Wegfallen der Uniform der Soldaten ist auf der symbolischen Ebene die Polarisierung von Angreifenden und Angegriffenen nicht mehr in seiner Eindeutigkeit fassbar, ist die Wahrnehmung von Vieldeutigkeiten eher möglich.
3. Ein ziviler Krisenbewältigungsansatz müsste für verschiedene Bevölkerungsschichten Sensibilitäten entwickeln, d.h. ein solcher Ansatz würde auch den Genderansatz implizieren, die unterschiedliche Betroffenheit von Frauen und Männer berücksichtigen, auch die je unterschiedlichen Erwartungen und Handlungsebenen.

Konflikte
Auch Konflikte sind als solche eine Frage der Definition. Ein Konflikt ist kaum je gänzlich unerwartet. Aber wann werden latente Konflikte als Konflikte definiert? Wir können in der Regel drei Phasen unterscheiden: die latente Phase (oder nach NZZ vom 19. April die „drohende Krise), die Krise und schliesslich die Dynamisierung des Konflikts. In der ersten Phasen werden die existierenden Konflikte als solche nicht oder nicht in ihrer Bedeutung wahrgenommen und medial vermittelt. Erst wenn diese lantenten Konflikte eine Krise auslösen, erfahren diese Beachtung und durch die dadurch erzeugte Forderung nach Intervention eine Beschleunigung, die meist nicht zur versprochen Lösung, sondern zur Dynamisierung der Konflikte führt. So hat Sharon mit seiner Begehung des Tempelbergs die Krise ausgelöst, den Konflikt dynamisiert und mit seinen davon abgeleiteten sogenannten „Lösungsvorschlägen“ immer weiter beschleunigt.
Als Folge der Terrorattacke vom 11. September wurde die Polarisierung verschärft, die in den 90er Jahren eingebrachte These vom „Kampf der Kulturen“ neu belebt. Dergestalt wurden die Gegensätze zwischen islamischer und westlicher Welt als unvereinbar definiert, die jeweilige Seite homogenisiert, deren Widersprüchlichkeiten übertünkt zu Gunsten von eindeutigen Zuordungen: hier die auf globale Öffnung ausgerichtete westliche Welt, dort die in Traditionen verhafteten islamischen Gesellschaften, die sich den äusseren Einflüssen aus der anderen Welt widersetzen will, auch mit Gewalt, auch mit dem Einsatz von Terror.
Dieser Eindeutigkeit haben sich Frauen in Marokko nicht erst seit dem 11. September entzogen. Sie beziehen ihre Argumentationen aus verschiedenen Quellen, agieren prozessorientiert, dialogisch. Sie verknüpfen lokale und islamische Traditionen mit transnationalen Grundsätze und verstehen sich so als ebenso eingebunden in die lokale Gesellschaft wie in ein weltumspannendes Netz. Dabei gehen sie nicht von der globalisierten Wirtschaft aus, sondern von der Würde des einzelnen Menschen, der einzelnen Frau.
Das führt mich zu den hier kurz zu skizzierenden Gedanken, die in der Debatte, die wir hier nachher führen möchten aufgegriffen werden könnten:
1. Das Dialogische muss schon in die latente Phase des Konfliktes einfliessen, damit Konflikte nicht zu Krisen eskalieren. Das heisst das Wahrnehmen aller am Konflikt involvierten Gruppen muss gewährleistet sein, unabhängig von der jeweiligen Machtkonstellation.
2. Konflikte können nicht „gelöst“ werden, schon gar nicht mit militärischen Einsatz. Konflikte sind dem Leben inhärent, nur wennn sie akzeptiert sind können sie, sofern sie wahrgenommen und verhandelt werden, auch als positive Kraft gesehen werden, die Auseinandersetzungen und Entwicklungen ermöglichen. Das impliziert aber den Einbezug aller. Konfliktmanagement ohne Frauen führt dazu, dass Frauen als Opfer hingestellt und in eine passive Rolle gezwängt werden, die aber von den Akteuren als Legitimation/Werkzeug instrumentalisiert werden kann.
3. Zivile Konfliktlösungsmuster würden beinhalten, dass Frauen weg kommen von ihrer Opferrolle. Frauen würden wahrgenommen, wären nicht mehr das andere, erhielten eine Stimme. Gehört würden so die vielfältigen Stimmen nicht der Frauen, sondern von Frauen.
4. Die Tradition des Feminismus als internationale Bewegung sollte genutzt werden. Denn in der Grenzen überschreitenden Vernetzung kann dem kulturalistischen Separatismus entgegengearbeitet werden, ebenso den nationalistischen Eindeutigkeiten und Homogenisierungstendenzen, ebenso den darin enthaltenden Polarisierungen und Dichotomisierungen.

Fazit
Das heisst für uns, dass wir uns in dieser Debatte heute folgende Fragen stellen:
– Wie können wir die Zusammenarbeit stärken?
– Wie können wir über die Grenzen hinaus Einfluss nehmen?
– Wie können wir dies schliesslich öffentlich, d.h. auch auf der symbolischen Ebene demonstrieren?
Unsere Tagung versteht sich in diesem Sinne als Kultur der Grenzen überschreitenden Debatte, eben als PIAZZA. Und vielleicht sollten wir uns dabei an der Kontinuität weiblicher Arbeit ein Beispiel nehmen: an Sumaya Farhat-Nasers kontinuierlichem Engagement in den Olivenhainen, sowie an den unermüdlichen Mahnwachen der Mütter der Opfer der argentischen Militärdiktatur auf der Piazza Mayor von Buenos Aires.
-Eine solche Kontinuität herzustellen beinhaltet in unserer heutigen Zeit aber auch die Frage, wie der Zugang zu den Medien und damit auch die Definitionsmacht erkämpft werden kann, wie das Frauen in Marokko, die sans-papiers in Frankreich und jetzt auch in der Schweiz mit ihrem Aktionen auf dem öffentlichen Parkett, auf der „Piazza“, getan haben.



Olympe-Piazza im RomeroHaus
20. April 2002