ARTIKELAUSWAHL

Vesna Kesic/Milivoj Djilas

Der weibliche Körper ist ein Schlachtfeld
Vesna Kesic, Zagreber Publizistin und Frauenrechtsaktivistin, stellt ihre Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Sexismus und Krieg vor.

Dieses Interview wurde von Milivoj Djilas geführt und erschien in der „Feral Tribune“ vom 7. Oktober 2000. Im Dezember des gleichen Jahres führte Djilas ein weiteres Interview mit Vesna Kesic, welches unter dem Titel „Posttotalitäre Subjekte“ in der kroatischen Zeitung „zarez“ (www.zarez.com), Nummer 43, erschien. Aufgrund dieses Interviews entwickelte sich eine Kontroverse zwischen Mirko Petric und Vesna Kesic, welche sich in den Nummern 45 bis 47 derselben Zeitung mitverfolgen lässt. Petric wirft Kesic in seinem Artikel vor, sie betreibe Geschichtsrevisionismus, indem sie die im Krieg begangenen Vergewaltigungen pauschalisiere und eben nicht, wie sie selbst behaupte, differenziert betrachte. Er unterscheidet die von den Serben in Lagern begangenen Vergewaltigungen von jenen der Kroaten und Bosnier. Bei den Gewalttaten der Serben handle es sich um einen flächendeckenden Genozid, während es sich bei den Verbrechen der Kroaten und Bosnier um „vereinzelte Inzidente“ handle. So könne man diese Vergewaltigungen nicht als „Teil des Kriegsarsenals des militärischen Patriotismus“ bezeichnen (wie dies Vesna Kesic in ihrem vorausgegangenen Interview tat), welcher in jedem Krieg gelten würde und nicht Teil der ethnischen Säuberungen sei, sondern von allen Kriegsparteien angewandt würde. Wäre dies der Fall, so Petric, wäre dieses Mittel zur Kriegsführung in allen bisherigen Kriegen angewandt worden.
Kesic nimmt die Vorwürfe des Revisionismus und der Pauschalisierung in ihrer Replik auf. Für sie sagt bereits die auf den Begriff „Geschichtsrevisionismus“ gefallene Wortwahl Petrics viel über seine Auffassung der Geschichtsschreibung aus. Diese sei autoritär-deterministisch, weil sie keinen Raum für Zweifel lasse, für andersartige Interpretationen und für Gegenargumente. Kesic geht bei ihrer Interpretation von Petrics Haltung gegenüber ihrer Arbeit und ihren Aussagen noch einen Schritt weiter. Petrics Satz, dass sie „... die Schlussfolgerungen, welche aus den Beweisen (bezüglich der Vergewaltigungen) hervorgehen, nicht lesen will oder ideologisch und emotional nicht akzeptieren kann ...“, zeigt für sie, dass er ihr das standardisierte weibliche Merkmal der emotional-irrationalen Unreife zuschreibt, welches es ihr verunmögliche, über Dinge mit nationaler Bedeutung zu diskutieren. Bezüglich des Pauschalisierungsvorwurfs zeigt Kesic auf, dass die Vergewaltigung schon in früheren Kriegen als Waffe eingesetzt wurde: von der Wehrmacht, der Roten Armee, in den japanischen Lagern, wo Koreanerinnen festgehalten wurden, im Unabhängigkeitskrieg in Bangladesh oder in Ruanda. Kesic zeigt damit, dass sie die Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien nicht pauschalisiert und dass die Vergewaltigung ein Mittel der strategischen Kriegsführung ist. Sie widerlegt damit die Feststellung Petrics, dass die Lager der Serben einen „exklusiven Charakter“ hatten.


Was hat Sie dazu geführt, dass Sie sich der Untersuchung der Beziehung zwischen Sexismus und Krieg annahmen?
Der komplette Titel meiner Untersuchung lautet „Sexismus und Krieg: Die Konstruktion der Geschlechter und der Ethnizität als Quelle der Gewalt in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien“. Damit sind natürlich die letzten Kriege gemeint, der Krieg in Kroatien, dann in Bosnien-Herzegowina, bis zum Krieg im Kosovo. Generisch betrachtet ist dies immer der gleiche Krieg, auch wenn jeder seine Eigenheit und seine eigene Dynamik hatte. Ich möchte untersuchen, wie es zur Mobilisierung breiter Schichten der Zivilbevölkerung für die fürchterlichen Gewaltanwendungen und die gegenseitigen Grausamkeiten kam. Ohne diese Mobilisierung wären die Kriege nicht möglich gewesen. Unmittelbar am Anfang dieses blutigen Krieges auf diesem Gebiet, welchem ein mehrjähriger virtueller, politischer und medialer Krieg vorangegangen war, begann ich als Aktivistin in zivilen Gruppen zu arbeiten. In der zweiten Hälfte des Jahres 1992, als die erste Flüchtlingswelle aus Bosnien nach Kroatien flutete, als es hier schon Tausende von Vertriebenen gab, da erreichten uns die Nachrichten von den Massenvergewaltigungen in Bosnien. Mit anderen Frauen der Antikriegskampagne Kroatiens und den damals bestehenden Frauengruppen (SOS-Telefon, Autonomes Frauenhaus) gründeten wir als erstes die Zagreber Frauenlobby, dann das Frauenzentrum für Opfer des Krieges. Später entwickelte sich um diesen Kern herum eine ganze Kette von selbständigen Frauengruppen: die Frauen-Infothek, B.a.B.e., Frauengruppen in Istrien, Split, auf Losinj und in ganz Kroatien, und dann auch das Zentrum für Frauenstudien, CESI usw.

AUFRUF ZUR RACHE
Mit welcher Absicht haben Sie sich um die Gründung dieser Gruppen bemüht?
Meiner Auffassung nach hatten wir zwei - gleich wichtige - Motive. Das erste ist elementar menschlich, vielleicht sollte ich sagen weiblich: In dieser Situation war es am wichtigsten, sehr konkrete und unmittelbare Hilfe für die Frauen als Opfer der kriegerischen Gewalt zu organisieren. Wie in jedem modernen Krieg waren 80 % der Flüchtlinge Frauen und Kinder. Wir sammelten und verteilten alle Arten von Hilfsgütern, gleichzeitig unterstützten und stärkten wir die geflüchteten Frauen und organisierten in den Camps auch Selbsthilfegruppen. Wir begannen lange bevor uns ähnliche internationale Initiativen erreichten, allerdings mit grosser moralischer, materieller und sachkundiger Hilfe von Frauen ähnlicher Gruppen in den europäischen Ländern. Von irgendwelchen Initiativen der damaligen Regierung und der Machthaber zugunsten der spezifischen Bedürfnisse der Frauen war damals nicht die Rede. Es bestanden lediglich das UNHCR und die einfachen lokalen Frauengruppen.
Das zweite Motiv war ausserordentlich politisch und feministisch. Die damalige Regierung und die herrschenden nationalistischen Gruppen, aber auch die nationalistische oder schlechthin profiteuse Öffentlichkeit, d.h. die Medien, instrumentalisierten die schrecklichen Erlebnisse der Flüchtlinge - die Verluste, die Todesfälle, die Gewalt und die Misshandlungen, und ebenso die Vergewaltigungen - für ihre propagandistischen Ziele, für die Intensivierung des Hasses und der ethnischen Auseinandersetzungen. Damals entstand der famose Slogan „Die Vergewaltigung einer Kroatin ist die Vergewaltigung Kroatiens“. Dies ist eigentlich ein kriegerischer Aufschrei, eine Aufforderung zum Krieg und zur Rache.

Wie erklären Sie die Transaktion von der vergewaltigten Frau zur vergewaltigten Nation?
Die Frau als Opfer, ihr Körper, wird gleichgesetzt mit dem ethnischen Korpus und dem Staat, ihre weibliche Identität wird ausgewischt und in einer ethnischen Identität ertränkt, ihre persönlichen Leiden sind für einen Diskurs nur wichtig, wenn sie in Propaganda umgewandelt werden können oder in Ware und Sensation, manchmal auch in Pornographie. Mit der symbolischen Transaktion wird die Nation zur vergewaltigten Frau, was eine männliche, beschützende Rache erfordert, damit die nationale Ehre gerettet werden kann und das nationale Territorium, welches mit dem weiblichen Körper gleichgesetzt wird, usw. Die Männer ziehen somit leichter in den Krieg, bereit, für Kroatien, Bosnien, Serbien oder was auch immer zu sterben. Denn vergessen Sie nicht, dass in Serbien die Propaganda teilweise identisch war, dass das Fernsehen Serbinnen zeigte, die von Moslems oder Kroaten vergewaltigt worden waren. Das vom Nationalismus überflutete Serbien sieht sich heute noch als „Opfer“ - Opfer der geschichtlichen Ungerechtigkeit, des kroatischen, des slowenischen und des moslemischen Nationalismus, der internationalen Verschwörung und überhaupt der Ungerechtigkeit der kosmischen Verhältnisse. Vom Zeitpunkt an, von dem man an bereit ist, für die Heimat zu sterben, für die Nation, für „seine Frauen“, ist man bereit, selbst zu töten, die „fremden Frauen“ zu vergewaltigen. Das ist das Thema meiner Untersuchung.

Aber wussten wir in diesem Krieg denn nicht, wer das Opfer und wer der Aggressor ist?
Der seit dem Beginn des Krieges kursierende Mythos vom Opfer und vom Aggressor ist aus meiner Perspektive eine bis zum Mark abgenutzte kriegerisch-strategische Geschichte. Damit man Krieg führen konnte, musste die Welt in einem Prozess aufgeteilt werden in ausschliesslich binäre Gegensätze - Opfer und Aggressoren. Jede Seite anerkennt nur eine „Wahrheit“. Es gehen alle politischen Nuancen verloren, ebenso die Einsicht in die Wirkung der medialen, kulturellen und politischen Kriege, die dem „richtigen“ Krieg vorausgehen, die Perspektiven und Erfahrungen der anderen Seite werden vermischt, und die Verbindung zur Realität geht verloren. Die Nation fällt in einen kollektiven nationalistischen und kriegerischen Wahnsinn. Im Zusammenhang mit den Vergewaltigungen in Bosnien im Jahre 1992 wurden unglaubliche Geschichten lanciert wie auch monströse Zahlen von 300 000, 150 000, 60 000 vergewaltigten Musliminnen und Kroatinnen, ausschliesslich von Serben vergewaltigt. Die offiziellen, aber auch die inoffiziellen Quellen sprachen von 10 000 vergewaltigten Frauen in Kroatien. Die dokumentierten Daten aus verschiedenen Quellen, welche die Experten der UN-Kommission des Instituts für internationale Gesetzgebung der Menschenrechte in Chicago sammelten, offenbaren anderes, sowohl hinsichtlich der Zahlen als auch der ethnischen Verteilung der Vergewaltigungen. Und als die internationalen sachverständigen Kommissionen noch im Jahre 1993 die Statistiken, welche Bosnien und Kroatien lanciert hatten, in Frage stellten, da antwortete die serbische nationalistische Propagandamaschinerie und begann zu widerlegen, dass es die Vergewaltigungen überhaupt gegeben hat, sie redimensionierte sie auf ein Minimum und versuchte zu beweisen, dass dies alles eine Lügengeschichte der globalen Verschwörung gegen Serbien sei. Dass die Frauen weder als Einzelpersonen noch als Geschlecht in all dem eine Rolle spielten, zeigt sich daran, dass das Interesse an den Vergewaltigungen in der breiten Öffentlichkeit bereits 1995 verschwunden war.



ROLLENAUFTEILUNG

Was sagen die Zahlen des Instituts in Chicago aus?
Das Institut hat Kenntnis von 4500 besser oder schlechter dokumentierten Vergewaltigungsfällen und Fällen sexuellen Missbrauchs in Bosnien und Kroatien. Durch eine Untersuchung, d.h. unter Einbezug der anderen bekannten Verhältnisse, nimmt das Institut an, dass es ca. 12 000 Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen Misshandlungen gab. Es gab in Kroatien keine Massenvergewaltigungen, es gab aber sogenannte Vergewaltigungen durch Gruppen der einen wie der anderen Seite, d.h. von serbischen und kroatischen paramilitärischen Einheiten. Mehr als die Hälfte der vergewaltigten Frauen sind bosnische Musliminnen, dann Frauen nicht identifizierbarer ethnischer Zugehörigkeit, an dritter Stelle finden wir die bosnischen Serbinnen, dann die Kroatinnen. Mehr als die Hälfte der identifizierten Vergewaltiger waren bosnische Serben, der Rest Kroaten und Muslime. Es ist selbstverständlich, dass man bei den Vergewaltigungen wie bei den anderen Kriegsverbrechen von verschiedenen Stufen der Schuldverantwortlichkeit sprechen kann, dafür wird man sich in Den Haag verantworten müssen. Jedoch kann man das Verbrechen der Vergewaltigung nicht dem „nationalen Charakter“ einer ethnischen Gruppe zuschreiben, was hier Teil der Kriegspropaganda war. Es vergewaltigten die Vertreter aller ethnischen Gruppen. Ich versuche zu untersuchen, in welchem Masse die Konstruktion des Geschlechts und der Abstammung, der männlichen und der weiblichen, in Anbetracht und im Laufe des Krieges eine Motivation für die Gewalt brachte, sowohl für die geschlechterspezifische als auch für die ethnische.

Können Sie kurz den Unterschied zwischen den Begriffen „Geschlecht“ und „Abstammung“ erklären?
Die Abstammung ist im Unterschied zum Geschlecht, welches biologisch und sehr eng ausgedrückt ein anatomisches Merkmal ist, gesellschaftlich und kulturell festgelegt. Sie wird in verschiedenen Gesellschaften und verschiedenen Kulturen in verschiedenen Epochen anders definiert, anders zugeschrieben und den Personen verschiedenen Geschlechts unterschiedlich auferlegt. Die Abstammung ist insofern eine soziale Konstruktion und nicht eine biologische Kategorie. Männer und Frauen wachsen auf und formieren sich verschieden und bekommen unterschiedliche soziale Rollen, nehmen verschiedene Identitäten und Gewohnheiten des Benehmens an. Ich verfolge die kriegerischen Auseinandersetzungen aus der Geschlechterperspektive und behaupte, dass es für eine derartige Gewaltanwendung - organisiert, militärisch und paramilitärisch - wie auch für die Gewaltanwendung unter Zivilpersonen nötig war, die Rolle der Abstammung und der Identität hineinzubringen und ihre Interaktivität oder Überschneidung mit den ethnischen Identitäten, welche ebenso ein soziales Konstrukt und nicht „natürlich“ sind, eine Kategorie, die als absolut definiert wurde. Einerseits wird die Nation „genderisiert“, es werden ihr charakteristische Eigenarten der Frau gegeben („kroatische Mutter Heimat“, „stolze Mutter der Erde“, „Ernährerin“, aber auch „die kroatische vergewaltigte Frau“, usw.). Auf der anderen Seite werden die Frauen ethnisiert, ihre weibliche Identität besteht nur ethnisch - dies ist jene These, dass nicht Frauen vergewaltigt wurden, sondern Musliminnen, Kroatinnen und Serbinnen. Auf diese Art und Weise entsteht das Potential für kollektive Gewalt - im Namen der Nation, des Staates, des Bestehenden oder des im Entstehen Begriffenen. Es existiert noch eine andere Ebene dieser Geschichte. Meine These ist eine klassisch feministische, welche besagt, dass eine gewisse Kontinuität besteht zwischen der alltäglichen patriarchalen Gewalt an Frauen - der familiären, verbalen, den Stereotypen von Frauen in den Medien und allgemein in der Öffentlichkeit, den verschiedenen Formen der Frauendiskriminierung - und der in Kriegen ausgeübten Gewalt an Frauen. Krieg und Militarismus sind patriarchale Institutionen par excellence.

DIE BLOCKIERUNG DER WAHRHEIT
Was sind die Merkmale und der Mechanismus des Patriarchats und des Nationalismus, die auf die Motivation zur Gewalt einwirken?
Das Patriarchat ist in seiner Struktur hierarchisch, dichotom - es teilt die menschlichen Wesen in die unvereinbaren Gruppen von Mann und Frau ein. Man weiss sehr genau, wer und was ein Mann zu sein hat, wer und was eine Frau und wem welche Rollen und Rechte zukommen. Der Nationalismus hat generell viele strukturelle Übereinstimmungen mit dem Patriarchat, er ist ein Derivat des Patriarchats. Auch er ist dichotom - die Menschen werden eingeteilt in sie und wir, und im ethnischen Nationalismus ist diese Kluft unüberbrückbar. Im Krieg wird diese Dichotomie und Aufteilung bis zum Extrem ad absurdum geführt - die anderen und andersartigen werden aus der politischen und moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen, und schliesslich ist es erlaubt, und es besteht die Möglichkeit, sie zu vergewaltigen und umzubringen.

Wer ist Ihrer Ansicht nach der Gewinner und wer der Besiegte in diesem Krieg?
Ein Krieg, gewonnen oder verloren, bleibt im patriarchalen und nationalistischen Diskurs immer als heroisch, edel und berechtigt in Erinnerung. Und das entstandene Chaos, die parallelen, vielseitigen Geschichten, welche eigentlich die Geschichte bilden, werden vergessen und in der kollektiven Erinnerung absichtlich unterdrückt. Deshalb bekomme ich eine Gänsehaut, wenn einige unserer PolitikerInnen, auch solche, die heute die Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit der Betrachtung des Krieges und die Kompetenzen von Den Haag anerkennen, je nach Person, auch weiterhin aus Opportunismus „unser heiliger Heimatkrieg“ jubeln (in welchem es „kleinere Divergenzen“ gab) und ihn Abwehrkrieg oder so ähnlich nennen. Damit blockieren sie schlechthin die ganze Wahrheit über die Entstehung und die Führung des Krieges. Denn wie kann man diesen in Bezug auf Bosnien als „Abwehrkrieg“ bezeichnen, wenn er doch grösstenteils aggressiv geführt wurde? Wie kann man ihn „Heimatkrieg“ nennen, wenn der „Sieg“ ein sogenannt ethnisch sauberes Kroatien brachte? Und was ist das überhaupt, ein „Heimatkrieg“; ein Terminus, der eine patriarchal-romantisch-nationalistische, unreflektierte Auffassung von „Heimat“ wiedergibt?

DIE ZEMENTIERUNG DER GESCHICHTE
Könnte die Auswechslung der herrschenden Gruppe dazu verhelfen, die Natur des Krieges realer zu betrachten?
Die Situation hat sich am 3. Januar wesentlich verändert. Aber eben, dennoch wird die Schaffung einer Gedenkstätte für den Heimatkrieg vorbereitet, lange bevor wir besprochen haben, was dieser Krieg wirklich war, wie es dazu kam, wie er geführt wurde und womit er endete - von „unserer“ Seite aus betrachtet. War er wirklich unabwendbar, oder tat das Regime von Tudjman und ebenso das von Milosevic alles, dass es dazu kam? Aber eben, bereits spricht man von der Schaffung einer Gedenkstätte für den „Heimatkrieg“. Meine Frage lautet: Wie wird man die serbischen Flüchtlinge aus Slawonien und der Krajna, die Opfer von Pakrac, die Familie Zec und Tausende gesprengter serbischer Häuser in dieser Gedenkstätte erwähnen und in die Erinnerung integrieren - nach diesen Kriegsoperationen? Oder: Wie wird durch das Mal an die 800 Soldaten von „unserer Seite“ erinnert, welche Selbstmord begingen? Ich betrachte die Situation als sehr tragisch für jene Personen, welche sich nach dem Krieg mit den Spätfolgen und mit der anderen Betrachtungsweise des bisher glorifizierten Krieges konfrontiert sahen und für welche jetzt eine Welt zusammenbricht. Wissen Sie, dass in Amerika noch heute kein nationenübergreifendes Mahnmal zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg besteht? Unter anderem deshalb, weil immer mal jemand die Frage stellt: Wie kann hier die Erinnerung an die Bombardierung Hiroshimas festgeschrieben werden? Die Erinnerung an die Japaner, die wir in Lager eingesperrt haben? Die Grundaussage des an Vietnam erinnernden Memorials ist mehrdeutig, deshalb gefällt mir diese aussergewöhnliche interaktive Installation. Sie fragt primär, warum 50 000 junge Amerikaner in Vietnam umgekommen sind und lässt alle möglichen Antworten und Erinnerungen an diesen Krieg zu. Die Schöpferin des Memorials ist eine junge Frau asiatischer Herkunft, was für die Bedeutung des Mals von grosser Wichtigkeit ist. Gedenkstätten tendieren zur Zementierung der Geschichte und der Erinnerung, und darüber muss man Rechnung führen, denn der Charakter der Gegenwart und der Zukunft hängt davon ab, was im kollektiven Gedächtnis gespeichert ist und was als „Geschichte der Nation“ proklamiert wurde.

DIE HEXEN VON RIO
Neben Rada Boric, Jelena Lovric, Dubravka Ugresic und Slavenka Drakulic sind auch Sie eine der berühmten „Hexen von Rio“. Betrachten Sie sich als ein ziviles Opfer der kriegshetzerischen Maschinerie?
Die Hexengeschichte ist in der Tat sehr symptomatisch, und es verwundert nicht, dass sie weltweit und hier bei uns eine solche Reaktion auslöste. Wiederum war dies eine explosive Mischung aus Nationalismus und patriarchaler Frauenfeindlichkeit. Es handelte sich um fünf Frauen, die in keiner Weise organisiert waren, die nicht miteinander arbeiteten, sondern es als starke Einzelpersonen, mutig und „frech“ (zänkisch würde man im patriarchalen Jargon sagen) wagten, das zu sagen, was damals kaum jemand wagte - in Bezug auf den Nationalismus, den Hass, die kriegsverursachende Politik und auf die Lügen; und dies in der eigenen Mitte. Die Abrechnung mit uns war nicht primär politisch, wie zum Beispiel bei männlichen politischen Opponenten oder bei den „feindlichen“ Serben. Bei uns wurde in erster Linie das Aussehen auf den Plan gebracht, d.h. der Körper und das Geschlecht: „hässlich“, „alt“, verheiratet, ledig, „Töchter“, „Mädchen“ ... Sehe ich mich nun als Opfer? Nein, denn ich wusste die ganze Zeit über sehr gut, was ich tue und was für ein Risiko ich eingehe. Wenn ein Opfer jemand ist, der nach Gottes Recht Schaden erleidet, und dies deshalb, weil er anderer Nationalität oder anderen Geschlechts ist, dann bin ich kein Opfer. Ich bin eine Akteurin dessen, was mir geschah, schon deshalb, weil ich mich öffentlich artikulierte. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass Leute wie S.P. Novak, Kuljis, Letica und wer da noch alles mitmachte bei der Produktion der Affäre und der Vorbereitung des Textes „Die Hexen von Rio“ - denn wir alle kannten uns im allgemeinen schon recht lange und relativ gut und hatten zusammengearbeitet - so weit gehen und einfach jedes Kriterium der Wahrheit und der Ethik übergehen würden. Das war eine sehr hässliche und erschreckende Erfahrung.

Die Geschichte der „Hexen“ hat sich dennoch sehr lange in den kroatischen Medien gehalten?
Die Kampagne dauerte ganze sieben Monate, vom November 1992 bis zum Mai 1993. Es verging keine Woche, in der sich nicht irgendein „angesehener“ kroatischer Kommentator oder Intellektueller, von Gojko Boric bis Branko Cegec, über die „Hexen“ ausliess. Die einzigen Gegenstimmen kamen, ausser aus den Frauengruppen, vom Feral, von Dezulovic und von Viktor Ivancic, der die ganze Geschichte sehr gut zusammenfasste: „Ihr seid schuld, dass ihr nicht vergewaltigt wurdet.“ Alles in allem passierten den Leuten damals noch viel schlimmere Dinge als eine gewöhnliche Hexenjagd. Nach ähnlichen Texten verschwanden Leute, sie standen ohne Arbeit da, oder ihre Autos flogen in die Luft. Heute besteht bereits eine Tendenz zur „Beatifikation“ der „Hexen“ - wie das normal ist im Katholizismus. Denis Kuljis und sogar Nino Pavic (in der 500. Nummer des „Globus“) entschuldigen sich für diesen ihren „allergrössten Fehltritt ihrer Karriere“, was ich in gewisser Weise, als einen Akt der öffentlichen Entschuldigung annehmen kann und muss, auch wenn ich nicht an die Ehrlichkeit dieser „Reue“ glaube. Boris Buden hat Recht, wenn er behauptet, dass die „Hexen“ ein Skandal der zivilen Gesellschaft sind, sie sind nicht einmal das Produkt der HDZ-Propagandamaschinerie, sondern sie sind die „Schuld“ der kroatischen Intelligentia. Aber ich denke dennoch, dass in unserem Fall die staatlich gesponserte nationalistische und patriarchale Ideologie den Rahmen für alle möglichen Hetzjagden auf „Hexen“ schaffte, ethnische wie geschlechterabhängige.




Heft 14

Nationalismus: Verführung und Katastrophe
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